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Eine Frau schaut abends auf ihr Smartphone; im Fenster spiegelt sich der laufende Film.
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ANORA Journal

Kultur & Entertainment 13.09.2026 13 Min. Lesezeit N.O.A.H. · Über die Redaktion

Der Film läuft. Wir sind längst woanders.

Netflix läuft, der Daumen scrollt. Was passiert mit Geschichten, wenn sie unsere Abwesenheit einkalkulieren – und welche Rolle spielt KI dabei? Ein Essay über die Kunst, wieder da zu sein.

Im ArtikelInhaltsverzeichnis 8 Kapitel

Stellen Sie sich einen ganz gewöhnlichen Abend vor. Der Tag war voll. Sie haben gegessen, die Küche aufgeräumt und endlich eine Serie gefunden. Auf dem Bildschirm steht eine Frau in einer Tür. Sie sagt nichts. Ihr Gesicht verändert sich kaum. Aber irgendetwas zwischen ihr und dem Menschen im Zimmer ist gerade zerbrochen.

Sie sehen es nicht. Auf Ihrem Telefon zeigt jemand, wie man in drei Schritten jünger aussieht. Danach erklärt jemand die Wirtschaft. Dann kommt ein Hund, der nicht durch eine Katzenklappe passt. Als Sie wieder zum Fernseher schauen, sagt die Frau: „Seit du mich damals verlassen hast, kann ich dir nicht mehr vertrauen.“

Gut. Jetzt sind Sie wieder dabei.

Die Szene ist erfunden. Das Gefühl wahrscheinlich nicht. Zwei Bildschirme, ein Abend, und am Ende die seltsame Frage, was man eigentlich gemacht hat. Man hat eine Folge gesehen. Man war lange am Handy. Man könnte nicht genau sagen, was davon geblieben ist.

Second Screen heißt die parallele Nutzung eines weiteren Geräts beim Fernsehen. Das klingt nach einem technischen Zubehör. Vielleicht beschreibt es aber längst eine kulturelle Verschiebung: Wir lassen Geschichten laufen, während wir innerlich den Raum verlassen. Und beginnen zu erwarten, dass die Geschichten unsere Abwesenheit auffangen.

Die leise Dystopie wäre keine Welt ohne Geschichten. Es wäre eine Welt voller Geschichten, bei denen niemand mehr damit rechnet, dass wir wirklich zuhören.

Eine Zahl, die beim Teilen eine andere wird

Im Netz kursiert eine Behauptung, die sofort einleuchtet: 76 Prozent der Menschen seien auf TikTok, während sie Netflix schauen. Dazu die Nachricht, Netflix lasse Filme inzwischen so schreiben, dass man ihnen auch beim Scrollen folgen könne. Wer seinen letzten Serienabend kennt, braucht scheinbar keine Fußnote mehr.

Gerade deshalb lohnt sie sich. In einer im März 2026 veröffentlichten YouGov-Befragung gaben tatsächlich 76 Prozent an, beim Anschauen von Filmen oder Fernsehsendungen zu Hause zumindest manchmal ein Handy oder anderes Gerät zu benutzen. Befragt wurden vom 11. bis 17. Februar 2.012 erwachsene US-Staatsbürger; die Stichprobe wurde gewichtet. 12 Prozent antworteten „immer“, 33 Prozent „oft“ und 31 Prozent „manchmal“.

Das ist weder eine weltweite TikTok-Quote noch eine Netflix-Messung. Ein gelegentlicher Blick auf eine Nachricht zählt ebenso zur Gesamtsumme wie regelmäßige Gerätenutzung. Die Zahl beschreibt Selbstauskünfte aus den USA, keine direkte Beobachtung unserer Wohnzimmer.

Der Unterschied ist nicht kleinlich. Er ist bereits Teil der Geschichte. Aus einem differenzierten Befund wird beim Weitererzählen ein Satz, der leichter im Kopf bleibt. Land, Frage und Einschränkung fallen heraus. Übrig bleibt eine Zahl mit maximaler Fallhöhe. Eine Diskussion über verlorene Aufmerksamkeit beginnt damit, dass die Aufmerksamkeit für den Beleg verloren geht.

Man muss die Zahl nicht dramatisieren. Auch korrekt gelesen führt sie zu einer interessanten Frage: Welches Medium läuft nebenbei? Das Telefon neben der Serie – oder die Serie neben dem Telefon?

Wenn Geschichten unsere Abwesenheit einkalkulieren

Die Netflix-Debatte hat einen realen journalistischen Ursprung. In seinem Essay „Casual Viewing“ für n+1 berichtete Will Tavlin im Winter 2025 von Gesprächen mit mehreren Drehbuchautoren. Sie hätten Hinweise aus dem Unternehmen erhalten, Figuren ihre Handlungen ausdrücklich erklären zu lassen, damit nebenbei zuschauende Menschen folgen können. Fast Company griff diese Recherche im Januar 2025 auf. Das ist die Geschichte hinter dem Screenshot, der weiterhin durch die Feeds wandert.

Es ist jedoch keine nachgewiesene Vorschrift für sämtliche Netflix-Produktionen. Im März 2026 widersprachen führende Netflix-Verantwortliche der Vorstellung einer allgemeinen Regel. Filmchef Dan Lin bestritt ein solches Prinzip; aus der Serienführung hieß es, man wolle gerade keine übermäßigen Erklärungen. Variety dokumentierte diese Aussagen. Berichte über konkrete Erfahrungen und das Dementi einer unternehmensweiten Vorgabe gehören beide in das Bild.

Die faire Frage lautet also nicht: Hat Netflix beschlossen, uns alle zu verdummen? Sondern: Was passiert mit dem Erzählen, wenn geteilte Aufmerksamkeit bei der Gestaltung mitgedacht wird?

Eine Geschichte kann Informationen auf verschiedene Weise transportieren. Ein Blick verrät, dass jemand lügt. Ein leerer Stuhl erzählt von einem Verlust. Eine zu lange Pause macht eine Begegnung unangenehm. Wer in diesen Momenten auf ein anderes Display schaut, verpasst nicht bloß Daten. Er verpasst die Art, wie etwas Bedeutung bekommt.

Natürlich kann ein späterer Satz die Information nachliefern. „Ich vermisse ihn seit seinem Tod“ erklärt den leeren Stuhl. Aber die nachgereichte Erklärung ist ein anderes Erlebnis als das eigene Begreifen. Sie lässt uns wissen, was die Szene bedeutet. Die Szene selbst hätte uns etwas spüren lassen.

Darin liegt die mögliche Veränderung: nicht zwingend in schlechteren Geschichten, sondern in Geschichten mit weniger Bedarf an unserer Anwesenheit. Würde diese Gestaltungslogik zur Norm, entstünde eine Rückkopplung. Wir schauen seltener hin, weil das Wesentliche noch erklärt wird. Es wird mehr erklärt, weil wir seltener hinschauen. Irgendwann erscheint die Pause als Problem, das der nächste Satz beheben muss.

Das ist eine kulturelle These, kein belegter Gesamtzustand des Netflix-Katalogs. Gerade als These ist sie beunruhigend genug. Eine Erzählung könnte lernen, auf uns zu warten – und dabei das verlieren, wofür wir ursprünglich gekommen sind.

Ein Cutter betrachtet im abendlichen Schneideraum eine Filmszene mit zwei Menschen in einer Tür.
Ein Blick kann eine Geschichte tragen. Wer ihn verpasst, erhält später vielleicht nur noch die Erklärung. Symbolbild, keine Aufnahme einer Netflix-Produktion.

Nicht jeder müde Abend ist ein Kulturverfall

Es wäre trotzdem zu bequem, daraus eine Anklage gegen Menschen auf Sofas zu machen. Wer abends durch kurze Videos wischt, hat vielleicht zwölf Stunden gearbeitet. Vielleicht schläft nebenan endlich ein Kind. Vielleicht sucht jemand Gesellschaft, ohne noch die Kraft für ein Gespräch zu haben. Unterhaltung darf leicht sein. Sie muss keine Prüfung sein, die man nach Feierabend besteht.

Auch ist nicht jeder zweite Bildschirm ein Gegner der Geschichte. Eine Nachricht an einen Freund kann einen Filmabend verbinden. Eine Suche nach dem historischen Hintergrund kann Interesse vertiefen. Und eine vertraute Serie darf beim Kochen laufen, weil nicht jeder Kontakt mit Kunst eine vollständige Versenkung sein muss.

Die Forschung gibt ebenfalls keinen Anlass, Menschen pauschal zu beschädigten Multitaskern zu erklären. Eine 2020 in Nature veröffentlichte Studie mit 80 jungen Erwachsenen fand Zusammenhänge zwischen stärkerem Medien-Multitasking, Aufmerksamkeitsaussetzern und schlechterer Erinnerungsleistung. Sie beweist aber nicht, dass das Scrollen beim Fernsehen diese Unterschiede verursacht oder das Gedächtnis dauerhaft schädigt.

Eine andere größere Untersuchung von Wiradhany und Kollegen fand bei häufigeren Medien-Multitaskern in ihrer Aufgabe weder eine generell schlechtere Leistung noch mehr berichtete Aufmerksamkeitsaussetzer. Unterschiedliche Aufgaben und Messverfahren liefern kein einheitliches Bild. Die Behauptung, wir könnten alle nur noch wenige Sekunden denken, lässt sich daraus nicht ableiten.

Für die kulturelle Frage brauchen wir diese Behauptung auch gar nicht. Entscheidend ist nicht, ob unser Gehirn grundsätzlich noch zu Aufmerksamkeit fähig ist. Entscheidend ist, welche Bedingungen wir für sie schaffen. Zwischen einem dunklen Kinosaal und einem Sofa mit laufenden Benachrichtigungen liegt nicht nur ein anderer Bildschirm. Es liegt eine andere Vereinbarung darüber, was jetzt wichtig sein darf.

Die erschöpfte Zuschauerin ist deshalb nicht das Problem, das korrigiert werden muss. Interessant ist eine Umgebung, die ihr jede kleine Lücke sofort mit einem weiteren Angebot füllt. Ruhe muss dort aktiv hergestellt werden. Ablenkung liegt bereits griffbereit.

KI muss die Serie nicht schreiben, um sie zu verändern

In diese Umgebung kommt künstliche Intelligenz nicht erst hinein. Empfehlungssysteme sortieren längst, welche Inhalte uns begegnen. Generative Modelle können zusätzlich Texte, Bilder und Varianten herstellen. Das sind unterschiedliche technische Aufgaben: auswählen ist nicht dasselbe wie erzeugen. Für unser Erleben können sie sich trotzdem verbinden.

Netflix kündigte im Mai 2025 unter anderem stärker situationsbezogene Empfehlungen sowie eine kleine, freiwillige iOS-Beta für eine Suche mit generativer KI an. Nutzer sollten Wünsche in natürlicher Sprache formulieren können. Das ist zunächst eine Hilfe beim Finden, keine Aussage darüber, wer die Drehbücher schreibt.

Im April 2026 stellte das Unternehmen außerdem „Clips“, einen personalisierten vertikalen Video-Feed, vor. Laut dem Update vom 25. August ist das neue mobile Design inzwischen weltweit verfügbar. Netflix beschreibt den Feed als Weg, passende Titel schneller zu entdecken. Auch das kann nützlich sein: Ein guter Ausschnitt kann zu einem Film führen, den wir sonst nie gefunden hätten.

Bemerkenswert ist die Form. Die Plattform mit den langen Geschichten bietet einen kurzen, vertikalen Strom an, um den Zugang zu diesen Geschichten zu erleichtern. Die Alternative zum Scrollen bekommt selbst eine Oberfläche zum Scrollen. Ob daraus ein Einstieg oder eine weitere Schleife wird, entscheidet sich nicht am Format allein, sondern daran, was wir anschließend tun.

Generative KI könnte die Möglichkeiten dieser Umgebung weiter vergrößern. Stellen wir uns ein System vor, das zu jeder Geschichte zahlreiche Einstiege, Zusammenfassungen und Bildvarianten vorbereitet. Für die eine Person betont es Romantik, für die andere Gefahr, für die dritte ein vertrautes Gesicht. Dieses Szenario ist keine Beschreibung einer hier nachgewiesenen Netflix-Praxis. Es zeigt, welche Gestaltungsfrage die Technik aufwirft.

Wofür wird die zusätzliche Präzision eingesetzt? Dafür, dass ein Mensch etwas findet, dem er sich gern zuwendet? Oder dafür, dass er den nächsten Impuls möglichst schwer ausschlagen kann? Die Werkzeuge können ähnlich aussehen. Die Absicht und die Maßstäbe unterscheiden sich erheblich.

Die dystopische Möglichkeit ist deshalb nicht bloß eine endlose Bibliothek maschinengeschriebener Serien. Es ist eine Umgebung, die immer besser darin wird, unsere flüchtigen Regungen zu bedienen, ohne uns Zeit zu geben, einen eigenen Wunsch zu entwickeln. Wir bekommen sofort etwas Passendes. Nur die Frage, wonach wir eigentlich suchen, bleibt unbeantwortet.

Mehrere Erwachsene sitzen in einer abendlichen Straßenbahn und schauen auf ihre Smartphones.
Gleichzeitig erreichbar, gleichzeitig woanders: Geteilte Aufmerksamkeit ist nicht auf den Serienabend beschränkt. Symbolbild.

Das Publikum, das nur noch als Signal vorkommt

Ein Mensch kann eine Folge vollständig abspielen und innerlich kaum berührt werden. Er kann einen Artikel langsam lesen, weil er ihn großartig findet – oder weil er nicht versteht, was der Autor sagen will. Er kann ein Video wiederholen, weil es ihn bewegt, weil die Tonspur unverständlich ist oder weil er den Anfang verpasst hat.

Messwerte sind nicht wertlos. Sie beantworten nur nicht automatisch jede Frage, die wir ihnen stellen. Wiedergabe ist nicht dasselbe wie Zuwendung. Verweildauer ist noch kein Vertrauen. Und ein Klick verrät zunächst, dass jemand geklickt hat.

Diese Unterschiede verschwinden leicht, sobald eine Organisation ein bequem messbares Ziel zum Ersatz für ein schwieriger messbares macht. Das ist kein Beweis, dass jede Plattform genau so arbeitet. Es ist ein Risiko jeder Optimierung: Wer nur zählt, wie lange etwas läuft, könnte irgendwann vergessen zu fragen, was in dieser Zeit zwischen Inhalt und Mensch passiert.

Das Gedankenexperiment lässt sich bis zu einem merkwürdigen Abend weiterführen. Der Fernseher hält die Folge am Laufen. Der Feed liefert den nächsten Clip. Ein Assistent fasst zusammen, was wir im Film verpasst haben. Alles funktioniert. Jeder Dienst erledigt seine Aufgabe. Und wir liegen dazwischen, beschäftigt genug, um nicht zu bemerken, dass wir an kaum etwas beteiligt waren.

Die Systeme müssten uns dafür weder hassen noch täuschen wollen. Es würde reichen, wenn jedes von ihnen seinen kleinen Erfolg verfolgt und niemand für das gesamte Erlebnis verantwortlich ist. Die Erschöpfung am Ende des Abends hätte dann keinen einzelnen Verursacher. Sie wäre das gemeinsame Ergebnis vieler einzeln plausibler Entscheidungen.

In „Der letzte echte Mensch im Feed“ ging es um eine verwandte Knappheit: Wenn überzeugende Oberflächen reichlich verfügbar werden, gewinnt erkennbare menschliche Anwesenheit an Wert. Hier dreht sich die Frage um. Nicht nur: Ist auf der anderen Seite noch jemand wirklich da? Sondern auch: Bin ich selbst noch da, wenn mich etwas erreicht?

Ein Internet, in dem Maschinen Inhalte erzeugen und Maschinen ihre Bedeutung zusammenfassen, kann sehr nützlich sein. Es wird jedoch nicht allein dadurch menschlich, dass irgendwo zwischen Erzeugung und Zusammenfassung ein Benutzerkonto angemeldet ist.

Für Marken wird Lautstärke zur Falle

Für Marketing klingt die erste Schlussfolgerung naheliegend: Wenn Menschen sogar beim Lieblingsfilm wegsehen, muss Werbung noch schneller, lauter und unmittelbarer werden. Ein stärkerer Einstieg. Ein härterer Schnitt. Eine größere Behauptung. Bloß keine Sekunde, in der jemand weiterwischen könnte.

Manchmal ist ein klarerer Einstieg tatsächlich nötig. Niemand schuldet einem Unternehmen Aufmerksamkeit für eine austauschbare Selbstdarstellung. Aber aus der berechtigten Forderung nach Relevanz wird schnell ein Wettbewerb darum, wer die stärkste Unterbrechung erzeugt. Gewonnen ist damit zunächst ein kurzer Blick. Ob daraus Interesse wird, steht auf einem anderen Blatt.

Stellen wir uns eine Beauty-Marke vor, die mit einem makellosen Gesicht und einem spektakulären Vorher-nachher-Effekt wirbt. Der Clip kann sofort wirken. Ein ruhigerer Beitrag über die Grenzen eines Produkts, über Licht, Hauttextur und realistische Erwartungen hätte möglicherweise weniger Tempo. Dafür könnte er eine Frage beantworten, die nach dem Scrollen noch wichtig ist. Das ist ein hypothetischer Vergleich, keine Erfolgsgarantie für das längere Format.

Dasselbe gilt im B2B-Marketing. Ein Beitrag kann „zehn revolutionäre KI-Trends“ versprechen und nichts erklären, was eine Entscheidung verändert. Oder er kann einen konkreten Arbeitsablauf so genau betrachten, dass jemand das Problem des eigenen Teams wiedererkennt. Die zweite Variante ist nicht automatisch länger. Sie ist genauer verpflichtet, etwas einzulösen.

Für eine Plattform wie ANORA ist das eine anspruchsvolle Konsequenz. Wenn KI die Herstellung erleichtert, sollte der Gewinn nicht nur in einer höheren Veröffentlichungsfrequenz bestehen. Im Article Studio und in verbundenen Content-Prozessen wird die Frage nach Quelle, Unternehmenswissen und eigener Aussage umso wichtiger. Mehr Varianten ersetzen keinen Gedanken, der es wert ist, weitergegeben zu werden.

Wer daraus einen redaktionellen Prozess machen möchte, findet im Whitepaper „Die B2B Content Engine“ eine passende Vertiefung. Für diesen Essay reicht eine einfachere Probe: Was bleibt einem Leser, wenn unser Logo, der Effekt und die Handlungsaufforderung verschwinden? Eine neue Einsicht? Eine ehrliche Antwort? Oder nur das Gefühl, kurz aufgehalten worden zu sein?

Es geht nicht darum, den Einstieg zu vernachlässigen. Es geht darum, hinter ihm einen Raum anzubieten. Ein guter erster Satz öffnet eine Tür. Er sollte nicht der interessanteste Teil dessen sein, was dahinterliegt.

Die Zumutung, wirklich da zu sein

Aufmerksamkeit klingt in der Sprache des Marketings wie etwas, das man gewinnen und verteilen kann. Im eigenen Leben fühlt sie sich anders an. Sie ist die Zeit, in der wir nicht gleichzeitig woanders sind. Deshalb kann eine einzige ungestörte Unterhaltung länger nachwirken als ein Abend voller Eindrücke.

Geschichten dürfen etwas von dieser Zeit verlangen. Eine Figur darf widersprüchlich sein. Eine Einstellung darf dauern. Ein Artikel darf seine zentrale Frage erst komplizierter machen, bevor er sie beantwortet. Nicht jede Irritation ist ein Fehler im Nutzererlebnis. Manchmal beginnt an ihr erst das Verstehen.

Das ist kein Plädoyer für unnötige Schwierigkeit. Schlechte Erklärungen werden nicht dadurch tiefgründig, dass niemand ihnen folgen kann. Barrierearme Sprache, Untertitel, Audiodeskription und gut aufgebaute Zusammenfassungen können Menschen überhaupt erst Zugang ermöglichen. Zugänglichkeit ist etwas anderes als die vorsorgliche Entfernung jeder Anforderung an unser Mitdenken.

Vielleicht liegt genau darin eine Aufgabe für KI: Orientierung schaffen, ohne das Erlebnis vorschnell zu ersetzen. Begriffe erklären, die den Einstieg verhindern. Eine Übersetzung ermöglichen. Recherche sortieren, damit ein Autor mehr Zeit für seine eigentliche Beobachtung hat. Es gibt genügend mühsame Arbeit, die sich verkürzen lässt, ohne auch den bedeutungsvollen Teil zu verkürzen.

Für uns als Publikum wäre der Gegenentwurf erstaunlich unspektakulär. Kein neues Gerät. Keine App, die unsere Bildschirmdisziplin bewertet. Eher eine gelegentliche Entscheidung: Diese Folge möchte ich wirklich sehen. Diesen Text möchte ich verstehen. Bei diesem Menschen will ich wissen, was er sagen wird, bevor ich selbst wieder an der Reihe bin.

Es muss nicht jeder Abend sein. Ein Leben, in dem selbst Erholung zur Selbstoptimierung wird, wäre nur die nächste Variante desselben Problems. Aber wir könnten wieder unterscheiden lernen zwischen etwas laufen lassen und etwas erleben. Beides ist erlaubt. Nur ist es nicht dasselbe.

Zwei Erwachsene verfolgen aufmerksam einen Film im Kino; ein Smartphone liegt unbenutzt auf einer Jacke.
Nicht jeder Moment braucht ein zweites Angebot. Manchmal reicht die Entscheidung, bei einer Geschichte zu bleiben. Symbolbild.

Vielleicht war die Pause der eigentliche Inhalt

Gehen wir noch einmal zurück zu der Frau in der Tür. Zu dem Moment, bevor ein Satz erklärt, warum ihr Gesicht sich verändert. Es ist ein kleiner Moment. Für eine Zusammenfassung vielleicht entbehrlich. Für die Handlung in drei Stichpunkten nicht entscheidend. Und trotzdem könnte genau dort das liegen, was wir an Geschichten suchen.

Wir wollen nicht nur wissen, dass jemand verlassen wurde. Wir wollen für einen Augenblick verstehen, wie es ist, diesem Menschen wieder gegenüberzustehen. Dafür müssen wir die Szene nicht analysieren. Wir müssen sie nur mitbekommen.

Vielleicht besteht die nächste kulturelle Gegenbewegung deshalb nicht in einer großen Flucht aus dem Digitalen. Vielleicht beginnt sie mit einer bescheideneren Erwartung an Technik: Hilf mir, etwas zu finden, dem ich meine Zeit geben möchte. Und wenn ich es gefunden habe, lass mich dort.

Ein gutes System müsste aushalten, dass wir nicht jeden Augenblick ein neues Angebot brauchen. Ein guter Inhalt müsste uns nicht fortwährend versichern, dass wir nichts verpassen, während wir wegsehen. Und wir müssten gelegentlich das kleine Risiko eingehen, dass ein Moment erst später verständlich wird.

Auf dem Sofa wird das Telefon dunkel. Nicht als demonstrativer Verzicht. Nicht für eine Statistik. Einfach, weil die Frau im Film noch immer in der Tür steht und gerade niemand erklärt, was sie fühlt.

Der Film läuft.

Diesmal sind wir da.

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Quellen zum Beitrag

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